von Cornelia Wriedt
Wenn der Frühling im Land Einzug hält, dann erwachen auch auf dem Gelände des Klosters in Heiligengrabe unzählige Pflanzen aus ihrer Winterruhe. Das Scharbockskraut streckt seine kleinen, glänzenden Blätter der Sonne entgegen. Die Vogelmiere beginnt ihre rankenartigen Stängel mit den zarten Blättchen auszubreiten. Und der Bärlauch schiebt seine leuchtend grünen, nach Knoblauch duftenden Spitzen voller Freude aus dem Boden. Alle Pflanzengeister räkeln und recken sich nach der langen Pause, die ihnen die kalte Jahreszeit verordnet hatte. Sie sind süchtig nach den Sonnenstrahlen und wispern vor Freude durcheinander.
Es ist der Löwenzahn, der als erster im allgemeinen Geschnatter die Frage stellt, die ihn seit seinem Erwachen beschäftigt: „Kommt denn die Beate in diesem Jahr wieder zu uns?“
Das Gänseblümchen hebt ruckartig sein Blütenköpfchen: „Warum denn nicht?“
„Was?“, schreit der Giersch und sträubt seine hellen gefiederten Blätter so sehr, dass er wie ein gerupftes Huhn aussieht. „Beate kommt in diesem Jahr nicht? Woher weißt du das?“
Alle drehen sich ruckartig zum Löwenzahn herum, der verzweifelt mit seinem längsten Blatt abwinkt. „Das habe ich doch nicht gesagt. Ich habe nur gefragt.“
„Boh ey!“, brummt der Gundermann. „Jetzt habe ich aber einen Schreck bekommen. Wie kannst du nur solche Gerüchte in die Welt setzen!“ Empört schüttelt er seine ersten kleinen violetten Blüten.
„Hab ich doch gar nicht gesagt!“ Jetzt wird der Löwenzahn langsam sauer und wirft ihm einen bitterbösen Blick zu.
Der Gundermann zieht eine Schnute, was er als Lippenblüter sehr effektvoll machen kann.
„Jetzt hört aber mal auf euch zu streiten“, mahnt die Brennnessel. „Das muss doch nun nicht sein.“
Cousine Taubnessel nickt zustimmend. Traut sich aber nicht etwas zu sagen.
„Kommt sie nun, oder kommt sie nicht?“ Das Scharbockskraut lässt nicht locker. „Ich muss doch wissen, ob ich noch warten soll, bis ich meine Blüten ausfahre. Ihr wisst doch …“
Der Spitzwegerich lässt es nicht weitersprechen und verdreht die Augen: „Ja, wir wissen es. Wenn deine Blüten einmal draußen sind, dann bist du ungenießbar.“
„Ungenießbar“, kichert der Sauerampfer. „Schön aussehen und schmackhaft sein ist halt nicht jedem gegeben.“
„Halt du doch deine große Klappe! Ich habe wenigsten schöne gelbe Blüten. Aber was bei dir dann später mal wächst, das beschreibt jeder Pflanzenführer als klein und unscheinbar. Wenn du diese Murkelblüten nicht an Rispen aufhängen würdest, dann würde man sie glatt übersehen.“
„Jetzt werde ich aber sauer,“ brummt der Sauerampfer und schmollt vor sich hin.
„Leute! Leute! Was soll denn das ganze Gestreite!“, lässt sich die Brennnessel erneut vernehmen.
„Hört auf damit! Lasst euch doch vom Löwenzahn nicht einreden, dass sie nicht kommt.“, wirft nun auch das dünne Stimmchen der Taubnessel ein. Sie ist harmoniesüchtig, obwohl sie das nie zugeben würde.
„Was willst du denn?“, brummt der, und fühlt sich auf das Blatt getreten. „Ich wollte doch nur wissen, ob jemand eine Ahnung hat, ob Beate auch in diesem Jahr wieder zum Kräuterkurs hier in unser Kloster kommt.“ Empört schüttelt er eine seiner Blütenknospen. „Man wird doch noch mal fragen dürfen!“
„Darf man wohl“, meldet sich der Sauerampfer, obwohl es nur eine rhetorische Frage war. Alle rundherum verdrehen die Augen.
„Damit hast du uns aber einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“, wirft die Knoblauchrauke, die sich bisher vornehm zurückgehalten hatte, ein. „Du weißt ja, dass wir uns jedes Jahr auf die Kräuterkurse freuen.“
„Mach ich doch auch“, stimmt der Löwenzahn besänftigt zu. „Wer hört es nicht gern, wenn er gelobt wird?“
„Ich liebe es, wenn sie darüber spricht, wie gesund ich bin.“ Der Bärlauch reckt sich so weit er kann. „Da fallen solche Worte wie Vitamin C und natürliches Antibiotikum. Und dann der Knoblauchgeschmack. Und außerdem gehöre ich noch in die Gründonnerstagssuppe.“
„Du bist nicht der Einzige, der nach Knoblauch schmeckt“, wirft die Knoblauchsraucke ein.
Aber der Bärlauch lässt sich nicht bremsen. „Nur die Sache mit der Verwechslung und den Maiglöckchen – die geht mir echt auf die Nerven.“
„Tja – da musst du halt durch.“ Der Sauerampfer ist heute irgendwie auf Krawall gebürstet.
„Und du bist auch nicht der Einzige mit Vitamin C“, mault die Vogelmiere.
„Und in die Gründonnerstagssuppe gehören neun Kräuter“, lässt sich das Gänseblümchen vernehmen.
„Jetzt fangt nicht schon wieder an zu streiten“, versucht die Brennnessel die aufgewühlten Gemüter zu beruhigen. Aber umsonst – alle reden durcheinander. Die sanfte Taubnessel würde sich am liebsten die Ohren zuhalten, wenn sie welche hätte. Streit mag sie überhaupt nicht.
Bevor das Ganze eskaliert unterbricht der laute Pfiff einer Amsel ihre Diskussion. „Hört auf damit und seid ruhig. Da kommt ein Auto.“
Alle verstummen und wenden sich ruckartig dem Parkplatz zu. Tatsächlich. Ein Fahrzeug kommt langsam die Einfahrt herauf und rollt heran. Als es anhält, steigt eine kleine Frau mit einem Korb in der Hand heraus.
„Beate!“, flüstert der Löwenzahn.
„Pssst!“, macht die Brennnessel. „Ihr wisst doch, nicht einmal sie darf wissen, dass wir sprechen können.“
Während Beate zum Wulfenhaus geht, grinsen sich die Pflanzen an. Es fällt ihnen schwer nicht in Jubel auszubrechen und das sieht man ihnen an. Nur der Sauerampfer wagt noch ein leises „Yippi!“ bevor sie hinter der Tür verschwindet.
„Ich glaube“, sagt der Löwenzahn leise, „sie freut sich jedes Jahr genauso auf uns, wie wir uns auf sie.“
Einen Moment lang wird es ganz still im Klostergarten. Nur das ferne Brummeln einer Hummel ist zu hören. Dann nicken alle zustimmend. Und am heftigsten nickt der Sauerampfer.
